Vortragsabend „Luther und die Juden“

Die Kehrseite des Reformators

Ein Vortragsabend im Juni beleuchtete das wechselvolle Verhältnis Martin Luthers zu den Juden.

Martin Luther, der große Reformator, der sich weder vom Papst noch vom Kaiser noch von den katholischen Reichsständen einschüchtern ließ, hatte auch eine Kehrseite. Das Sprichwort: Wo viel Licht ist, ist viel Schatten, bestätigt er auf dramatische Weise. Zu diesen Schattenseiten zählen Luthers späte sogenannte Judenschriften. Im Juni 2017 hielten Martina Fritz-Römelt und Horst Sassin im Rahmen des Solinger Reformationsjubiläums in der Dorper Kirche einen Vortrag zu diesem Thema. Der Historiker Dr. Horst Sassin ist Lehrer für Geschichte und Evangelische Religion und ehemaliger Synodalbeauftragter des Evangelischen Kirchenkreises Solingen für das christlich-jüdische Gespräch, Martina Fritz-Römelt arbeitet als Diakonin und Seelsorgerin in einem Evangelischen Altenzentrum und ist langjähriges Vorstandsmitglied im Freundeskreis Solingen/Ness Ziona e. V.

Aus dem Vortrag der beiden Experten erfuhren die Teilnehmenden des Abends zunächst, dass Luther im Jahr 1523, zu Beginn der Reformationszeit, die Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ veröffentlicht hatte. Darin bemühte er sich, anhand der Stammbäume in den Evangelien nach Matthäus und Lukas nachzuweisen, dass Jesus mütterlicherseits aus dem Haus Davids abstammt. Er gab auch seiner Hoffnung Ausdruck, dass Juden sich zum Christentum bekehren würden. Deshalb rief er seine Leser auf, die Juden freundlich zu behandeln. Man solle ihnen die wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration durch das Erlernen handwerklicher Berufe ermöglichen. Er mahnte, die Kritik an den Juden nicht zu übertreiben. Die Christen seien auch nicht besser.

Luthers Freundlichkeit gegenüber den Juden setzte einen neuen Ton, denn aus West- und Mitteleuropa waren die Juden im Hochmittelalter vertrieben worden, aus England und Frankreich schon lange vor seiner Geburt, aus Spanien und Portugal während seiner Kindheit und Jugend (1492, 1497). Auch in Mitteldeutschland lebte nur eine kleine jüdische Minderheit. Aus Nürnberg wurden die Juden 1499, aus Regensburg 1519 vertrieben.

Luthers Schrift löste unter vielen Juden ein Hochgefühl aus. Teile der Schrift wurden ins Hebräische übersetzt. Einige Juden bezogen kabbalistische Prophezeiungen auf Luther. Die Folgen dieser Wertschätzung Luthers zeigten sich noch 1537, als Josel von Rosheim, der Vertreter der Juden im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, von Luther die Fürsprache für die Durchreise durch Sachsen erbat – vergebens.

Eine ganz andere Seite lernt man bei dem späten Martin Luther kennen. 1543 veröffentlichte er seine Pamphlete „Von den Juden und ihren Lügen“ und „Vom Schem Hamphoras“, mit denen er eine Kehrtwende vollzog. Die Lügen, die er den Juden, insbesondere ihren Talmud-Gelehrten und Rabbinern, vorwarf, beziehen sich auf ihre Auslegung des hebräischen Alten Testaments. Luther beanspruchte die Deutungshoheit darüber: Das Alte Testament sei das erste Buch der christlichen Bibel. Alle zukunftsweisenden Aussagen des Alten Testaments seien auf Jesus Christus bezogen. Wenn die Rabbiner an den talmudischen Deutungen festhielten, die sich in Randglossen der sogenannten Rabbinerbibel niederschlugen und das hebräische Alte Testament ohne Bezug auf Jesus Christus erklärten, würden sie diesen wider besseres Wissen leugnen und somit fortwährend Christus lästern. Darüber hinaus hielt Luther böswillige Behauptungen für wahr, etwa dass Juden bei der Nennung des Namens Christi ausspucken würden. Primitive Phantasiegeschichten der jüdischen, antichristlichen „Jeschu Toledot“-Literatur hielt er für einen Teil des jüdischen Katechismus, eine maßlose Überschätzung einer erbärmlichen literarischen Gattung, für die die meisten Juden sich geschämt haben dürften. Aus seinen Vorwürfen, die er gebetsmühlenartig wiederholte, zog Luther schreckliche Forderungen an die Landesfürsten (nicht an das Volk): Verbrennung der Synagogen, weil darin Christus gelästert würde, Zerstörung der jüdischen Häuser aus demselben Grund, Beschlagnahmung ihrer Gebetbücher und Schriften, Lehrverbot für Rabbiner, Aufhebung der Freizügigkeit der Juden, Verbot des Wuchers, Wegnahme von Bargeld und Gold- und Silberschmuck, Zwang zu einfacher Handarbeit, schließlich die Austreibung der Juden.

Im Gegensatz zu 1523 wollte Luther nun die religiöse, wirtschaftliche und soziale Verelendung der Juden herbeiführen, um ihre Bekehrung doch noch zu erzwingen. Hingegen hatte er 1514 noch geschrieben, die Juden leugneten Jesus und lästerten nach dieser Deutung Gott schriftgemäß, d.h. im Einklang mit der Bibel. Die Christen sollten ihre eigenen Gotteslästerungen bekämpfen. Gewaltanwendung in Glaubensfragen sei verwerflich.

Trotz vieler groben Töne reagierte Luther in seinen judenfeindlichen Schriften zwischendurch sensibel auf das, was Juden nach seiner Kenntnis nicht leiden würden: dass die Christen Miterben im Reich des Messias sind. Er schrieb dazu: Man solle es den Juden nicht sagen, um sie nicht zu Verfluchungen zu reizen. Seine Hoffnung blieb der Übertritt von Juden zum Christentum. Am Schluss seines Pamphlets „Von den Juden und ihren Lügen“ betet Luther: „Gott erbarme sich über sie, wie er uns getan hat und tun wird. AMEN.“ Und: „Christus, unser lieber HErr, bekehre sie barmherziglich und erhalte uns fest und unbeweglich in seiner Erkenntnis, die das ewige Leben ist. AMEN.“
Luther selbst war sich bewusst, dass nur wenige seiner Schriften seine Lebenszeit überdauern würden. Dazu zählte er seine „Judenschriften“ nicht.

Die Wirkungsgeschichte zeigt, dass schon protestantische Kollegen Luthers dessen Spätschriften verurteilten. Auch im Pietismus und in der Erweckungsbewegung knüpfte man an Luthers judenfreundliche Haltung an. Die Antisemiten des 19. und 20. Jahrhunderts vereinnahmten Luther als einen der ihren – zu Unrecht, denn Luther setzte selbst in seinen schärfsten antijüdischen Schriften noch auf die Bekehrung eines Teils der Juden zum Christentum, während der moderne Antisemitismus auch alle zum Christentum bekehrten Juden bekämpft. Selbstverständlich vereinnahmten sowohl die Nationalsozialisten als auch die radikalen „Deutschen Christen“ Luther für sich, während Vertreter der Bekennenden Kirche Luthers fortwährenden Missionswunsch an den Juden betonten und darüber hinaus die Bibel – und nicht Luthers Schriften – zur Bekenntnisgrundlage erklärten.

Im Anschluss an den Vortrag berichtete die Oberkirchenrätin i.R. Gisela Vogel von den Lehren, die die Evangelische Kirche in Deutschland und insbesondere die rheinische Landeskirche aus Antijudaismus, Antisemitismus und Holocaust gezogen haben. Mit dem Beschluss der Landessynode 1980 und der Änderung der Rheinischen Kirchenordnung 1996 verabschiedete sich die rheinische Landeskirche von der Verwerfungslehre, wonach der Neue Bund den Alten Bund ersetze, und betonte die bleibende Erwählung des Volkes Israel. Damit initiierte die rheinische Landeskirche ein neues, dialogisches Verhältnis zum Judentum.

Der Vortrag wurde unterbrochen von mehreren Luther-Liedern, die die Dorper Kantorei unter Leitung von Stephanie Schlüter teils bestätigend, teils kontrastiv vortrug. Zeitgenössische Bilder veranschaulichten Aspekte des Verhältnisses von Juden und Christen im Mittelalter und zur Zeit Luthers. Die Spenden des Abends in Höhe von 300 Euro wurde der Begegnungsstätte Alte Synagoge in Wuppertal-Elberfeld für ihre Bildungsarbeit gespendet.


 

17.07.2017 Horst Sassin