Das Evangelium läuft weiter

Predigt für den Reformationstag, 31.10.2017

Im Festgottesdienst in der Stadtkirche Solingen predigte Superintendentin Dr. Ilka Werner vor etwa 800 Gottesdienstbesuchern und -besucherinnen über Psalm 31, 9 und Johannes 6, 68-69

(Voran ging eine kurze kabarettistische Szene in der Martin Luther und Philipp Melanchthon am Ende wieder die 100 Thesen nicht voll bekommen, weil eine Fernseh-sendung beginnt, die sie unbedingt sehen möchten. „Luthers“ Schlusssatz lautet: „Das Evangelium läuft weiter, auch während wir Fernsehen gucken.“)

 

Das Evangelium läuft auch weiter, während wir Fernsehen gucken. Die Reformation auch.
Das, liebe Gemeinde, ist gewisslich wahr!
Merken wir uns das, wenn wir jetzt immerzu gefragt werden, was denn erreicht wurde mit dem Reformationsjubiläum und den vielen Festen und Veranstaltungen und was denn bleibt und was wir jetzt machen – oder anders machen – werden.

Was bleibt ist nicht ethisches Engagement und sind nicht moralische Botschaften oder kirchlicher Aktionismus, weder Selbstbeweihräucherung, wie gut wir doch alles gemacht haben, noch Selbstkasteiung, wie schlecht doch alles gelaufen ist.
Was bleibt ist ein Dankgebet, ein durch die Erinnerung an die Reformationszeit und die mutigen, geistbegabten Männer und Frauen dieser Zeit verstärktes Dankgebet, dem ich die Worte eines Psalmverses gebe: „Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum“.

Das ist es, was bleibt: Weiter Raum, auf den unsere Füße gestellt werden.
Befreiung von Zwang und Enge, aus dem Hamsterrad unseres Alltags, auch von der Frage, ob wir gut genug sind, und von dem Druck, nicht aus der Reihe zu tanzen, der Angst, nicht mehr mitzukommen.

Du, Gott, stellst unsere Füße auf weiten Raum.
Damit wir uns bewegen können und tief durchatmen.

Wie geschieht das, wie bekommen unsere Füße diese Freiheit?
Wenn wir, so sagt Martin Luther, unser Herz an Gott hängen: Woran du dein Herz hängst, worauf du vertraust, das ist dein Gott.
Wenn unser Herz weiß, wohin es gehört, werden die Füße frei, die Spielräume groß, das Denken schrankenlos.

Im Jubiläumsjahr haben wir darüber nachgedacht, woran unser Herz hängt. Wir haben uns besonnen und neu wieder eingelassen auf Gott und neu aufgemacht zu Gott. Und dabei haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir zwar meinen, uns aufzumachen, dass wir das aber gar nicht hinbekommen und es in Wirklichkeit immer Gott ist, der uns entgegenkommt.
Wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn, der dem Rückkehrer entgegenrennt und ihn in die Arme schließt, noch bevor der Sohn seine zurechtgelegte Entschuldigung stammeln kann. Gott, der Liebevolle, Gott, die Gnädige, rennt uns entgegen. Damit allein wird unsere Angst vertrieben, nicht gut genug und liebenswert zu sein.
Wir haben dabei neu verstanden, dass Gott mit uns sein will. Das er wie wir geworden ist in Jesus Christus und gelebt hat wie wir, um bei uns zu wohnen, um bei uns einzukehren zum Essen und Reden, und Feiern, oder Trauern. Damit allein wird uns die Angst vor der Einsamkeit genommen.

Wir haben auch im Reformationsjahr Fernsehen geguckt, und das Evangelium ging weiter. Und wir haben wieder besser verstanden, dass es nicht auf unser Tun und Machen ankommt, und auch nicht auf die richtige Einstellung, sondern auf den Glauben. Den Gott uns schenkt, mit dem er unserem Herzen Heimat gibt und unser Leben weit macht.
Wir können den Glauben nicht selber machen, wir können aber darum beten. Das allein befreit uns von aller Selbstüberschätzung, wir könnten oder müssten die Welt retten und uns selbst erlösen.
Und wir spüren: aus dem geschenkten Glauben zu leben, tut uns gut.

Trotzdem lassen wir uns leicht verunsichern, zu fremd ist ein gläubiges Leben schon in unserer Gesellschaft, und wir sind immer wieder hin- und hergerissen, zwischen dem Vertrauen auf Gott und dem Zweifel daran, ob ein Gott überhaupt sein kann. Wir haben wieder mehr die Bibel aufgeschlagen, und versucht, die Siegel zu knacken, die die Heilige Schrift so fremd machen selbst für uns Kirchenleute und haben geübt, sie zu fragen um Orientierung für unser Leben, in unserer Zeit. Einfach ist das nicht. Aber allein so überwinden wir unsere eigenen Lieblingsideen und nehmen uns Zeit, uns selbst und unsere Zeit aus dem Spiegel der alten Glaubensgeschichten tiefer zu verstehen.
Und hören, dass uns da etwas gesagt ist, uns Menschen, über das, was Gott von uns will. Und denken darüber nach, wie wir es tun können.

Das haben wir getan, im letzten Jahr, nicht immerzu alle und manche auch stellvertretend und fürbittend für andere, aber damit waren wir gut beschäftigt und haben die „Allein-Sätze“ der Reformation wiederentdeckt, die beschreiben, was uns trägt:
Allein die Gnade, die uns entgegenkommt;
allein Jesus Christus, der bei uns wohnen will;
allein der Glaube, der uns gut tut;
allein die Bibel, die uns was sagt.
Jedes „allein“ beschreibt, woran unser Herz gut hängen kann.

Jedes „Allein“ öffnet aber auch weiten Raum:
Gottes Gnade verurteilt nicht,
Jesus Christus grenzt nicht aus,
der Glaube ist ein Geschenk, das wir nicht verdienen können und das allen versprochen ist,
und die Bibel lässt uns nicht in die Irre gehen.

Darum weiten wir in der Kirche und als Kirche den Blick und den Raum:
Schon zwischen unseren Gemeinden, da war lange ein Kirchturmdenken, und eine Straße, ein Bachtal schienen unüberwindlich. Beinah konnte man meinen, es käme nicht auf das gemeinsame Evangelium, sondern auf die besondere Gemeindekultur an. Das verändert sich bei uns in Solingen. Der Kreissynodalvorstand hat in seiner Vision den Satz formuliert: Wir denken vor Ort fürs Ganze, und viele Gemeindenachbarschaftsgespräche in diesem Herbst fangen an, das umzusetzen. Vielleicht schaffen wir es, die Selbstständigkeit nicht länger in der Abgrenzung zu suchen. Es kann ruhig eine Weile dauern, müssen ja nicht 500 Jahre sein, nur wieder zurück darf es nicht gehen: Wir stehen auf weitem Raum.
Auch im Bereich der Ökumene hört das Denken in Abgrenzungen nach und nach auf. Wir spüren, wie sehr wir zusammengehören. Natürlich bleiben wir im Herzen evangelisch oder katholisch oder freikirchlich – aber unsere Füße erkunden den weiten Raum und trauen sich in die Kirchen der anderen und wir erleben, dass das Vertrauen enorm gewachsen ist im letzten Jahr.
Neugierig sind wir im Gespräch mit den Muslimen und Musliminnen, denn wir nehmen wahr: auch sie hängen ihr Herz an den einen Gott, aber sehr anders als wir. Sie teilen unsere „Allein“-Sätze nicht. Und wir die ihren nicht. Aber trotzdem ermessen unsere Füße vorsichtig den gemeinsamen Raum, und auch hier wächst Vertrauen.
In der Gesellschaft, deren Teil wir als Kirche sind, macht Offenheit viele unsicher. Die Rede über Grenzen und rote Linien nimmt zu. Manchmal teilen wir das, weil man oft an den Grenzen merkt, wo jemand seine Mitte hat. Aber aus unserer Sicht ist die entscheidende Frage nicht die nach der Grenze, sondern die nach dem Bezugspunkt: Woran hängst du dein Herz? Glaubst du an Gott, den Schöpfer der ganzen Welt, oder bist du von der universalen Geltung der Menschenrechte überzeugt, oder sind dir nationale Werte wichtiger? Es kommt darauf an, woran das Herz hängt, und von daher öffnet sich weiter Raum auch für verschiedene politische Einstellungen und Programme, oder er öffnet sich eben nicht.
Als Kirchen reden wir nicht einer oder bestimmten Parteien das Wort, aber wir treten entschieden ein für eine Gesellschaft mit Freiheit und Weite, und wenden uns gegen Normierung und Enge. Wir predigen die Liebe und Gnade Gottes gegen die Angst, die viele bei uns umtreibt.
Und wir fragen und wollen das öfter und hartnäckiger tun: Woran hängt dein Herz? Denn darauf kommt es an.

Wenn wir also heute nach neuen Thesen fragen für die Zukunft, dann ist das meine:
Finde heraus, woran dein Herz hängt, so dass deine Füße weiten Raum finden.

Wie findet man das heraus, woran das Herz wirklich hängt? Der Pfarrer, der mich konfirmiert hat, hat mir, als ich überlegte, ob ich Theologie studieren soll, mal gesagt: „Man studiert nicht Theologie, weil man will, sondern weil man es nicht lassen kann“. Dieser Satz hat mir sehr geholfen. Und er hilft auch bei der Frage, wie wir herausfinden können, woran unser Herz hängt.
Es hängt an dem, was wir nicht lassen können.

Es spielt also keine Rolle, ob wir immer wieder zweifeln, oder nicht so richtig gute Menschen sind, ob wir sonntags öfter mal den Gottesdienst schwänzen oder jeden Morgen die Losung lesen. Es kommt darauf an, ob wir Gott lassen können. Oder eben nicht. Darum geht es bei der Reformation.

Von Jesus wird erzählt, dass er einmal, als sich viele derer, die mit ihm zogen, dann doch abwenden und nicht mehr mitziehen und nach Hause zurückgehen, die zwölf Jünger fragt: „Wollt ihr auch weggehen?“
Und da sagt Petrus stellvertretend für alle:
„Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: du bist der Heilige Gottes.“

Jesus fragt uns auch. Und ich hoffe, Petrus spricht auch für uns:
„Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: du bist der Heilige Gottes.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahrt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

01.11.2017 Ilka Werner