Teilhabe

Gemeinsam gestalten

 

Wenn die Evangelischen in Solingen sonntags Gottesdienst feiern, dann sind viele beteiligt. Natürlich die Pastorinnen und Pastoren und Küsterinnen und Küster, Organistinnen und Organisten. Aber ebenso ehrenamtliche Prediger und Predigerinnen. Presbyterinnen und Presbyter lesen aus der Bibel. Und sehr oft singen Chöre im Gottesdienst Choräle und Lieder von Bach bis Gospel und worship. Und immer wieder einmal gestalten Jugendliche oder andere Gemeindeglieder einen Gottesdienst selbständig. Natürlich werden beim Abendmahl Brot und Wein – oft auch Saft – an alle ausgeteilt. Und oft sind Menschen, die nicht Pfarrerin oder Pfarrer sind, aktiv dabei und teilen mit aus.

Ein Hintergrund für diese Praxis sind biblische Aussagen zu den Gaben, den Fähigkeiten, aus denen eine Gemeinde lebt. Vor allem im 1. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth findet sich diese Vorstellung: dass in der Gemeinde Menschen mit unterschiedlichen Gaben zusammen die verschiedenen Aufgaben lösen. Wie in einem menschlichen Körper, in dem auch die verschiedenen Teile und ihr Zusammenwirken erst den Menschen ausmachen (vgl. das ganze Kapitel 12).

Zur Zeit Martin Luthers hatte sich etwas anderes entwickelt: Die Durchführung des Gottesdienstes lag ausschließlich in der Hand der Priester. Und sie alleine durften das Brot (der Wein war ihnen vorbehalten) beim Abendmahl (Eucharistie) austeilen. Nur sie durften taufen oder die Krankensalbung spenden oder die Beichte abnehmen. Sie wurden zu ihrem besonderen Amt geweiht und lebten ehelos im Zölibat. Für Luther wie die anderen Reformatoren* aber galt: Jeder, der getauft ist, kann auch Priester (Pfarrer) sein. Natürlich werden die Pfarrer dazu ausgebildet, aber sie haben keinen besonderen, „heiligen“ Stand, der sie vor den anderen Getauften heraushebt. Und heiraten dürfen sie natürlich auch. Vor allem Johannes Calvin* hat das betont: Eine Gemeinde lebt in allem Wichtigen von den Begabungen ihrer Mitglieder. Denn das sind Gaben des Heiligen Geistes, mit denen sie das Gemeindeleben prägen.

Zwar hat es in der Zeit der Reformation – einige wenige – Reformatorinnen* gegeben. Aber dass Frauen Pfarrerinnen werden durften, hat bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts gedauert, nicht nur in der Evangelischen Kirche im Rheinland. Und eine ganz andere Frage ist, ob die Evangelischen wirklich diesen Blick auf ihre Gemeinden haben: welche Gaben, welche Fähigkeiten ihre Mitglieder haben. Und ob sie die einbringen können in das gemeinsame Leben der Gemeinde. Gemeinden sähen dann sicher unterschiedlich aus, weil eben unterschiedliche Menschen sie gestalten.

 

*Johannes Calvin (Reformator)

Mit Johannes Calvin (geb. 10.7.1509 in Noyon, gest. 27. Mai 1564 in Genf) begann die Reformation im französischsprachigen Raum. Der ausgebildete Jurist, selbst aus Frankreich vertrieben, traf in den freien Städten Strassburg, Basel und vor allem Genf auf Gemeinden, die begonnen hatten, nach den neuen evangelischen Lehren zu leben. Angesichts ihrer Praxis begann er zum einen, den christlichen Glauben zusammenzufassen und zu systematisieren, etwa in seinem Lehrbuch „Unterricht in der christlichen Religion“. Zum anderen legte er fast alle biblischen Bücher aus, sei es als Predigten, sei es als Bibelkommentare. In Genf unterstützte er die vielen Glaubensflüchtlinge vor allem aus Frankreich (Hugenotten), die den neuen Glauben in alle Welt trugen.

Für Calvin war wichtig, dass das ganze Leben der Christenmenschen bestimmt ist vom Glauben an Jesus Christus und von dem Gedanken, auch im praktischen Gemeinde- wie Berufs- wie privaten Leben Gott allein die Ehre zu geben.

Auf ihn berufen sich vor allem die reformierten Kirchen, Gemeinden und Christen.

Informationen zu Johannes Calvin im Internet finden sich z.B. auf dem Internetangebot des Reformierten Bundes: http://www.calvin09.de/14380-91-92-15.html

 

*Reformatoren_innen

Neben Luther und Calvin gab es etliche andere Männer (und auch Frauen), die die Auseinandersetzung mit der Kirche ihrer Zeit führten. Im deutschsprachigen Bereich ist das etwa Philipp Melanchthon (1497-1560), im Schweizer Bereich der Zeitgenosse Luthers Ulrich Zwingli (1484-1531). Aber auch Männer wie Martin Bucer (1491-1551), Johannes Bugenhagen (1485-1558) und Heinrich Bullinger (1504-1575) gehören dazu. Sie alle gelten als „Reformatoren“: als Menschen also, die während der Reformation den neuen evangelischen Glauben prägten und an der Gestaltung der evangelischen Kirche(n) mitwirkten.

Auch einige Frauen sind zu nennen, sei es, dass sie selbst theologische Akzente gesetzt haben, sei es, dass sie Entwicklung der Reformation gefördert haben: Katharina Zell (Seelsorgerin/Briefschreiberin, 1497-1562), Argula von Grumbach (Flugschriftautorin, 1492-1554), Wibrandis Rosenblatt (Pfarrfrau, 1504-1564) oder Ursula Weyda (Flugschriftautorin, 1504-1565).

Informationen zu verschiedenen Reformatorinnen finden sich auf der Website der Evangelischen Frauen in Deutschland e.V.: http://frauen-und-reformation.de/index.php

 

Den Text der Lutherschrift "An den christlichen Adel deutscher Nation" bietet z.B. die Website "Glaubensstimme - Das evangelische Archiv im Internet" hier: http://www.glaubensstimme.de/doku.php?id=autoren:l:luther:a:an_den_christlichen_adel_deutscher_nation

25.03.2017 Th. Förster/J. Schmidt/I. Werner