Leitung

Viele entscheiden

 

In Gemeinschaften, auch in evangelischen Kirchengemeinden, werden immer wieder Entscheidungen getroffen. Die Gemeinden müssen ja bedenken und festlegen, wie sie als evangelische Gemeinden ihr Gemeindeleben gestalten wollen. Darum ist Leitung notwendig, die Entscheidungsprozesse herbeiführt, moderiert und zu einem Ergebnis führt.

In den Solinger Gemeinden tun das die Presbyterien*, vergleichbar dem Vorstand in einem Verein. Ihre Mitglieder werden alle vier Jahre von den Gemeinden gewählt, die Gemeinde-Pfarrer und -Pfarrerinnen sind automatisch Mitglied. Das Presbyterium wird von einem von den anderen gewählten Mitglied geleitet.

In den ersten Christengemeinden war die Frage der Leitung noch nicht vorrangig. In den Texten der Bibel ist erkennbar, dass sich ihre Mitglieder als gleichberechtigt verstehen wollten, als Brüder und Schwestern, die im Gegenüber nur einen Lehrer haben, nämlich Jesus Christus selbst. So wird es im Matthäusevangelium (Kap. 23, 8) erkennbar, geschrieben etwa um 80 nach Christi Geburt. Später entwickelte sich eine Leitung durch Presbyter*. Sie orientierten sich bei ihren Entscheidungen z.B. an Kriterien, wie sie im 1. Korintherbrief erkennbar werden (Kapitel 10, 23): Dienen sie zum Guten? Bauen sie auf?

In der Reformationszeit entwickelten sich zwei Leitungsformen, orientiert entweder an der Situation in den Fürstentümern oder in den Städten, die evangelisch wurden. Im ersten Fall wurde der Landesherr das oberste Leitungsorgan auch der Gemeinden, also Landesbischof. Im zweiten orientierten sich die Gemeinden mit ihren Presbyterien am Rätesystem der Städte.

Im Rheinland setzte sich stärker das zweite Modell durch: Reformierte* Flüchtlingsgemeinden aus den Niederlanden, geleitet von Presbyterien, hatten sich Mitte des 16. Jahrhunderts am linken Niederrhein niedergelassen. 1568 trafen sich ihre Vertreter in Wesel und entwickelten ein Leitungssystem, das in den Grundzügen bis heute gilt: In Regionen bzw. Städten werden die dort anstehenden Fragen in einer Synode*, der Kreissynode bearbeitet. Und im Land, im Rheinland etwa, tut das die Landessynode. In die Synoden werden Mitglieder aus den Presbyterien gewählt.

Im Grunde ist so ein System der Leitung entstanden, das dem in der Demokratie ähnelt. Und sicher hat die Entwicklung der Demokratie mit ihren Gremien von den Leitungsformen in der evangelischen Kirche profitiert. Nicht zuletzt durch die Stärkung Einzelner, sich für die Leitung der Gemeinschaft zu engagieren.

Allerdings haben sich in den letzten Jahren offensichtlich Bereitschaft und Möglichkeiten sich zu engagieren verändert. Immer weniger Gemeindemitglieder sind in der Lage oder bereit, im Presbyterium mitzuarbeiten. Und in den demokratischen Gremien gibt es ähnliche Erfahrungen. Kirchen wie Demokratie stehen heute deshalb vor der Frage, wie sie weiterhin Menschen gewinnen, die ihre Gaben in die Aufgaben der Leitung einbringen.

 

*Presbyterium/Presbyter_in

Die ersten christlichen Gemeinden übernahmen das System der Leitung, wie es im Judentum praktiziert wurde: Ein Gremium von Ältesten (griechisch: presbyteros=Ältester) fällt die Leitungsentscheidungen (vgl. etwa Apostelgeschichte 11, 30; 15, 2.4 u.ö.). Sie wurden zuerst von den Aposteln, den Jüngern Jesu, mit Zustimmung der Gemeinden berufen, später von den Gemeinden bestimmt.

 

*Reformiert

In der Reformationszeit, vor allem in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, entwickelten sich unterschiedliche evangelische Konfessionen (Bekenntnisse): Durch die Theologie Martin Luthers geprägt und eher verankert in Regionen (Fürstentümer) die lutherische und durch die Theologie Ulrich Zwinglis und Johannes Calvins beeinflusst und eher verankert in Städten und einigen kleinen Regionen (Ostfriesland, Lippe) die reformierte.

Im Rheinland waren es vor allem die Gebiete Jülich-Kleve-Berg-Mark und der linke Niederrhein, in dem sich reformierte Gemeinden befanden. Sie stehen für das presbyteriale Leitungssystem: Eine Gemeinde lebt auch in ihrer Leitung von den Gaben, die ihre Mitglieder einbringen.

 

*Synode

Das griechische Wort synodos heißt so viel wie Versammlung, Treffen, Weggemeinschaft. Im kirchlichen Zusammenhang bezeichnet es die Versammlung von Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Gemeinden, etwa in einem Kirchenkreis (Kreissynode) oder in einer Landeskirche (Landessynode).

Synoden beraten und beschließen in Fragen, die das Presbyterium einer Gemeinde nicht alleine beschließen kann, etwa wenn es um gemeinsame Aufgaben geht (in der Diakonie z.B.).

 

*Emder Synode

Zur Emder Synode kamen 1571 Vertreter – Pastoren wie Älteste – aus reformierten Gemeinde der Niederlande, aber auch des linken Niederrheins zusammen, die die in Wesel gefassten Beschlüsse noch einmal bedachten und verbindlich formulierten. Auf diese Beschlüsse geht das in vielen evangelischen Kirchen geltende Subsidiaritätsprinzip (lateinisch subsidium für Hilfe, Reserve) zurück: Die Selbständigkeit der Gemeinden bei ihren Beschlüssen wird gestärkt, keine Gemeinde kann über andere bestimmen. Andererseits treten Gemeinden in synodalen Entscheidungen füreinander ein, wenn sie Unterstützung brauchen.

Für das Rheinland werden die Beschlüsse der Duisburger Generalsynode von 1610 bestimmend, bei der Vertreter von Gemeinden aus den vereinigten Herzogtümern Jülich-Kleve-Berg zusammen kamen. Sie legten fest, wie das Subsidiaritätsprinzip zwischen Gemeinden (Presbyterien), Provinzialsynode (heute: Kreissynode) und Generalsynode (heute: Landessynode) funktioniert – im Übrigen bis heute.

Auf dieser Synode war Solingen vertreten durch einen reformierten Pfarrer namens Jeronimus Banfius, der zumindest in St. Reinoldi Rupelrath als Prediger bekannt war.

Informationen zur Emder Synode im Internet am sinnvollsten über Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Synode_von_Emden

25.03.2017 Th. Förster/J. Schmidt/I. Werner