Gnade

Wer ist mein Richter?

 

Seit einigen Jahren schon gehören Ranking-Shows zu den gern gesehenen TV-Serien, vor allem die, bei denen sich meist junge Menschen mit ihren Talenten gegeneinander profilieren müssen. Bei „Germany‘s Next Topmodel“ zum Beispiel oder auch bei „Deutschland sucht den Superstar“ geht es oft deutlich zur Sache: Urteile, vor allem negative, werden hart formuliert, oft auch so, dass sie die Beurteilten (fast) verletzend treffen. Und manchmal hat man den Eindruck, dass genau das die Faszination ausmacht dieser Rankingshows. Dazu passt, das wir es gewohnt sind, in Vergleichen und im Messen oder immer mehr auch auch vor Gericht uns zu profilieren und zu bewerten, zu „richten“, uns zu fragen: ob und wie ich denn bestehen kann vor anderen, im Vergleich zu anderen.

In der Reformationszeit verbanden die Menschen etwas anderes mit „Richten“. Sie lebten in der Vorstellung, dass das eigentlich wichtige Leben nach dem Tod und dem Jüngsten Gericht beginnt. Und dass es wichtig ist, dort zu Gott zu gelangen, vor seinem Urteil zu bestehen. Sie glaubten, dass sie nach dem Tod entsprechend ihren Sünden gerichtet und im *Fegefeuer büssen müssten. Und mit aller Macht versuchten sie, für sich, aber auch für ihre schon verstorbenen Familienangehörigen, diese Bußzeit zu verkürzen: Durch den Besuch der Messen, durch Beten zu Heiligen und durch Fasten und Wallfahrten, vor allem aber auch durch Ablässe. So wollten sie sich frei kaufen aus dem Absturz in das Fegefeuer.

Martin Luther hatte selbst lange mit dieser Lebens- und Sterbefrage zu kämpfen: wie er denn bestehen kann vor dem Urteil Gottes. Zum ersten Mal in der Auslegung der Psalmen (etwa: Psalm 32, 2) und dann des Römerbriefes erkannte er: Nicht durch Leistung, schon gar nicht durch Freikaufen erlange ich Gottes Gnade. Darum veröffentlichte er seine *95 Thesen gegen den Ablass. Und in den folgenden Auseinandersetzungen und theologischen Diskussionen wurde ihm immer deutlicher: Vor Gott sind wir Menschen schon „richtig“. Er hat sich im Menschen Jesus uns zugewendet und deutlich gemacht: Er fällt ein gnädiges Urteil, er steht auf unserer Seite. Es braucht kein Freikaufen und vor allem keinen Ablass mehr. Das Fegefeuer gibt es nicht.

Die Frage für uns heute ist, ob wir das glauben können: dass Gott auf unserer Seite steht; und dass das Folgen hat für uns und unser Leben. Wenn Gott so freundlich mit uns ist, uns so Raum gibt für unser Leben, vielleicht können wir dann auch freundlich sein mit uns und mit anderen. Es könnte das Ende sein von Urteilen und Verurteilen und der Anfang von Zulassen von anderem, von anderen Raum Geben für ihr

Leben. Es bleibt die Frage, ob Gott so wichtig ist für uns und unser Leben.

 

*Endgericht/Jüngstes Gericht

In Texten der Bibel wird eine Vorstellung eines Endgerichtes deutlich, das bei der Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten stattfinden wird. Er selbst wird über alle Lebenden und Toten richten und schließlich auch den Tod besiegen (vgl. etwa Offenbarung 20, 13). Wie Christus richtet, wird etwa in Matthäus 25,31-46 deutlich: Er scheidet als Richter zwischen Gerechten und Ungerechten.

In der Vorstellung mittelalterlicher Theologie gab es, durchaus mit biblischen Belegen, nach dem Endgericht die ewige Verdammnis (Hölle) für die, deren Sünden (Todsünden) sie dazu verdammten. Gewissermaßen eine Mittelstellung zwischen Himmel und Hölle nahm das Fegefeuer ein, in dem die ihre Sünden auf verschieden lange Zeit abzubüssen hatten, deren Sünden zwar keine Todsünden waren, aber schwer genug um abgebüsst werden zu müssen. Das Fegefeuer hat keinen biblischen Anhalt.

In der Zeit vor Luther hatte sich eine Vorstellung entwickelt, mit Hilfe eines erworbenen Ablasses etwa in Form eines Ablassbriefes die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen oder ganz aufzuheben. Sogar nachträglich, also für Verstorbene, sollten diese Ablässe wirksam sein. Einen Ablass erhielt man etwa durch besondere Wallfahrten oder, in der Zeit Luthers weit verbreitet, durch den Kauf eines Ablassbriefes.

 

*95 Thesen gegen den Ablass

Zuerst in Latein, dann in deutscher Übersetzung setzte sich Luther 1517 mit der Praxis des Ablassbriefes auseinander. Als wissenschaftliche Auseinandersetzung gedacht, wurden die Thesen zum Anfang von theologischen Diskussionen, die das ganze System von Sünde und ihren Folgen und ihrer Abgeltung der römisch-katholischen Kirche ins Wanken brachte und die Reformation auslöste.

Ob Luther seine Thesen wirklich am 31.10.1517 an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg nagelte, ist heute umstritten und wohl nicht mehr zu klären.

Der Text der 95 Thesen findet sich im Internet z.B. auf der Website der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): https://www.ekd.de/glauben/95_thesen.html

25.03.2017 Th. Förster/J. Schmidt/I. Werner