Befreiung

Frei!?

 

Heute reden wir eher von Freiheit als von Befreiung und meinen damit dann individuelle Freiheiten. Sie bestehen wahrscheinlich für die meisten von uns aus sozialer Sicherheit im weitesten Sinn und aus der Möglichkeit, mir das Leben so einzurichten, wie ich will. In vielerlei Weise ist Freiheit so tendenziell eine wirtschaftliche Freiheit, für mich und für andere, aber natürlich gilt dabei: Jeder und jede ist seines / ihres Glückes Schmied. Ich bin frei.

In den ersten Jahren der Reformation, ca. ab 1520, bewirkten die von Luther und anderen angestoßenen Veränderungen des kirchlichen Lebens eine gewaltige Befreiung für viele Menschen. Sie waren es gewöhnt, für ihr Seelenheil (s. vorige Tafel) auf die Kirche, auf Priester und Mönche und Nonnen angewiesen zu sein. Mit dem Besuch von Messen, von besonderen Wallfahrtskirchen, mit ihren Gebeten zu Heiligen um deren Beistand, mit dem Erwerb von Ablässen funktionierte das religiöse System, das System des Glaubens zwar. Aber viele fühlten sich doch eingeengt in die Abhängigkeit von der Kirche und ihren Vertretern, die wie eine vermittelnde Größe zwischen ihnen und Gott standen.

Martin Luthers Kritik am Ablass, seine Wiederentdeckung der biblischen Botschaft, dass Gott sich den Menschen zugewendet hat und unmittelbar zuwendet, veränderte Vieles: Letztlich war die Kirche mit ihren Angeboten, auch mit ihren Kontrollen und Verordnungen, nicht mehr nötig für das Seelenheil. Jeder und jede einzelne Glaubende konnte sich gewissermaßen gottunmittelbar verstehen. In Aufnahme biblischer Texte (wie 1. Korinther 9, 16) betonten die Glaubenden dann ihre Befreiung von Messe und Heiligen und Ablass. Denn Gott war ja für sie da. Allerdings hat Luther dann auch betont, dass aus dieser Befreiung eine Verantwortung für andere folgt. Wer die Befreiung aus religiösen Auflagen und Verpflichtungen unmittelbar erlebt, der wendet sich seinen Mitmenschen in Dankbarkeit zu. So seine Argumentationsfigur in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“*. Beleg für diese Vorstellung waren wieder Bibeltexte aus Briefen des Paulus* wie etwa Römer 13, 8. Im Glauben frei, den Nächsten in Liebe zugewandt, so kann man sein Freiheitsverständnis vielleicht am besten zusammenfassen.

In einem gewissen Sinn sind Christenmenschen also frei und untertan zugleich. Das ist dann kein Widerspruch, wenn man Freiheit nicht als rein individuelle, tendenziell ökonomisch bestimmte Unabhängigkeit von allem und von allen versteht. Im Glauben sind Christenmenschen an Christus gebunden und frei von anderen Bindungen. Und wie er sich für sie eingesetzt hat, sich „gebunden“ hat an die Menschen, so setzen sie sich ein für ihre Mitmenschen, so binden sie sich in Verantwortung an sie.

Es ist deshalb kein Zufall, wenn in evangelischen Gemeinden einmal betont wird, dass ich eingebunden bin und bleibe in die Gemeinschaft mit anderen, nicht nur der Gemeinde. Und wenn dann auch noch betont wird, dass wir in den evangelischen Gemeinden uns umeinander kümmern und um die Menschen um uns herum.

 

*Von der Freiheit eines Christenmenschen

Die Schrift „Von der Freyheith (oder auch: freihaitt) eines Christenmenschen“ ist eine nicht nur für die Anfangszeit der Reformation wichtige Veröffentlichung Luthers aus dem Jahr 1520. In der Auseinandersetzung mit seiner Kirche – Papst Leo X. hatte ihn mit dem Bann bedroht, die entsprechenden Untersuchungen liefen – fundierte Luther seine Kritik an der seiner Meinung nach unbiblischen Praxis seiner Kirche. Wie in seinen Thesen gegen den Ablass wendete sich Luther einer zentralen Frage des christlichen Glaubens und der christlichen Existenz zu: Wie kommt das durch die Sünde des Menschen zerrüttete Verhältnis Gott-Mensch wieder in Ordnung? Die Antwort seiner Kirche war im wesentlichen das Angebot einer „heiligen Ordnung“ mit eigenen Erfordernissen, der sich die Glaubenden zu fügen hatten, um vor Gott gerecht / richtig zu sein. Dagegen formuliert Luther nun ausführlich: Vor Gott wird kein Glaubender frei durch Werke, durch Buße oder Ablasskauf und auch nicht durch Gutes tun. Vor Gott ist ein Glaubender frei im Glauben an Christus. Und weil das so ist, ist er also frei vom religiösen Zwang, sich sein Heil bei Gott selbst zu sichern. Zugleich wird er dadurch frei, seine Mitmenschen zu sehen. Er muss sich ja nicht mehr um sich selbst kümmern und drehen. Er kann sehen, wer seiner Unterstützung bedarf.

Die Wirkung dieser Schrift war gewaltig: Im Prozess der Auseinandersetzung mit der kirchlichen Hierarchie verschärfte sie die Trennungen. Im sich entwickelnden evangelischen Lager verstärkte sie die Tendenzen einer Kirchenkritik hin zu einem Abtun des Alten, hin zu einem neuen Verständnis von Glaube und Kirche. Der Glaubende war frei vor Gott und frei von den kirchlichen Anordnungen. Letztlich brauchte er diese Kirche mit ihren Angeboten (s.oben) nicht mehr.

Der Text der Freiheitsschrift Luthers findet sich im Internet z.B. auf der Website "Reformationsjubiläum 2017": http://www.luther2017.de/de/martin-luther/texte-quellen/lutherschrift-von-der-freiheit-eines-christenmenschen/

*Paulusbriefe und Rechtfertigung

Vor allem in Briefen des Paulus fand Luther Belege für sein Verständnis der „Rechtfertigung“, der Antwort auf die Frage, wie das Verhältnis Gott Mensch wieder „richtig“ wird und der Mensch vor Gott „gerecht“. Eine besondere Rolle spielt dabei Römer 3, 28: „Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch allein aufgrund des Glaubens als gerecht gilt – unabhängig davon, ob er das Gesetz befolgt“ (vgl. auch Römer 4,25). Vorausgesetzt wird dabei ein vom Menschen schuldhaft gestörtes Gottesverhältnis. Und Paulus wendet sich gegen Vorstellungen, als könne man durch Befolgen der biblischen Gebote und Gesetze diese „Störung“ aus eigener Kraft überwinden. Die Reformation betont in der Auslegung dieser und anderer Bibelstellen des Paulus: Die Aufhebung der Zerstörung des Verhältnisses zu Gott besteht in seiner Zuwendung, besteht darin, dass er in Christus selbst Mensch wird, den Tod erleidet und aus dem Tod zu neuem Leben aufersteht. Die Predigt dieser Zuwendung Gottes zum Menschen weckt den Glauben, in dem allein Menschen „gerechtfertigt“, richtig vor Gott sind.

26.03.2017 Th. Förster/J. Schmidt/I. Werner