Würde

Ein Selfie von Gott

 

Das wahrscheinlich verbreitetste Bild Gottes ist wohl immer noch das eines alten Mannes mit weißem Bart. Generationen von Kindern sind damit groß geworden, obwohl es nirgendwo in der Bibel Anhalt hat. Evangelischreformierte haben seit der Reformation generell Einspruch erhoben gegen Bilder Gottes (s. Bilderverbot*). Und Frauen haben auf erhebliche Probleme dieses Bildes hingewiesen: Gott, der Schöpfer und Herrscher der Welt, soll ein Mann sein. Ob das nicht das Interesse der Männer spiegelt, sich als „Krone der Schöpfung“ verstehen zu können? Die Position der Kritikerinnen fängt vielleicht am besten ein Witz ein: Der Astronaut, von der ersten Raumfahrt zurück, wird gefragt, ob er denn im Weltall Gott getroffen habe. „Ja“, antwortet er. – „Und wie sieht er aus?“ – „Sie ist schwarz.“

Die Bibel selbst verbietet im zweiten Gebot nach biblischer Zählung, ein Gottesbild zu machen (vgl 2. Mose 20, 4-6). Sicher auch, damit Gott nicht festgelegt werden kann auf eine bestimmte Vorstellung, weil Gott selber sich immer wieder als lebendig zeigt. Von sich selbst spricht Gott als der „Ich werde sein, der ich sein werde“ (2. Mose 3, 14), ein offener Gottesname.

Die Reformatoren hätten vermutlich auf neutestamentliche Aussagen verwiesen, nach denen Jesus Christus als Ebenbild Gottes bezeichnet wird (z.B. Kolosser 1, 15). Aber sie kannten natürlich auch die biblische Vorstellung vom Menschen als Ebenbild Gottes, genauer: von Mann und Frau als Ebenbild Gottes. Sie wären vermutlich zögerlich, diese Aussage direkt auf uns Menschen zu übertragen. Zu tief waren sie davon überzeugt, dass die Gottesebenbildlichkeit durch den Sündenfall zerstört, mindestens verborgen ist, und erst am Ende der Zeiten wieder offen zu Tage treten wird. Johannes Calvin ging in seiner Institutio (I, 15) zwar auch davon aus, dass der Mensch aus Seele und Leib besteht und die Bestimmung des Menschen als Ebenbild Gottes sich vor allem auf den geistlichen Teil bezieht. Aber stärker als andere hat er betont: „Ich leugne gewiß nicht, daß uns die äußere Gestalt, die uns von den Tieren unterscheidet und trennt, zugleich auch mit Gott verbindet.” (I, 15, 3) Und in Verbindung mit der Vorstellung, dass sich Christus (nicht nur) in unseren Gemeinden seine Gemeinde, die „Gemeinschaft der Heiligen“, versammelt – ohne dass wir wüssten, wer dazu gehört und wer nicht (!) –, verstärkt sich die Vorstellung von uns Menschen als „Selfies“ Gottes.

So gesehen gibt es dann auch kein festgelegtes und festlegendes „christliches Menschenbild“. Der Lebendigkeit Gottes und der Offenheit seiner Bilder entspricht die Lebendigkeit und die Vielfalt der Menschenbilder. Sie sind im weitesten Sinne inklusiv, gerade auch im Blick auf Menschen mit Behinderung oder mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen. Viele unterschiedliche Menschen – und wir mitten drin – sind die bunten Selfies Gottes.

 

*Bilderverbot

Nach biblischer Zählung ist das Bilderverbot das zweite der zehn Gebote (2. Mose 20, 2-17). Für Martin Luther war in der Frühzeit der Reformation die Auseinandersetzung um Gottesbilder in Kirchen weniger wichtig, eher störend. Er fürchtete die Unruhe, die die ersten Bilderstürme in Wittenberg im Januar 1522 ausgelöst hatte – er selbst war zu der Zeit auf der Wartburg. Sie könnten den Fortgang der Auseinandersetzungen in der Kirche hemmen und die Neuerer als Aufrührer kennzeichnen. Auch auf diesem Hintergrund zog er in seinem (kleinen) Katechismus die beiden ersten Gebote zusammen und teilte das letzte, um wieder auf zehn zu kommen.

Vor allem in der Theologie Ulrich Zwinglis und Johannes Calvins verstärkte sich die Bilderkritik. Sie fürchteten, dass die Bilder weiterhin so wichtig blieben oder würden, dass sie den lebendigen Glauben, vor allem das Hören auf das verkündigte Wort, ersetzten. Als Folge ihrer Bilderkritik wurden – in der Regel geordnet – Stand- und andere Bilder aus den Kirchen entfernt (etwa in Zürich und anderen Städten Oberdeutschlands um 1523/24, in den reformierten Niederlanden erst in den 60er Jahren des 16. Jahrhunderts). Hintergrund für die „Bilderzerstörung“ war sicher auch, dass sich in den Bildern die Hierarchie des sozialen Lebens spiegelte: Reiche „Herren“ konnten Altäre und Heiligenfiguren – vermeintlich zu ihrem Seelenheil – stiften. Und auf den Bildern spiegelte sich in den Darstellungen das Leben in seiner hierarchischen Abstufung, so dass den meisten Glaubenden ihre reale Abhängigkeit von den „Herren“ noch einmal vorgeführt wurde.

Die reformierte Bilderkritik hatte für den Bereich der Bildenden Kunst zum Teil gravierende Folgen: Vor allem in den reformierten Gebieten verloren viele Künstler ihren Broterwerb. Sie waren nicht mehr gefragt als Hersteller von Heiligenfiguren und Altarbildern. Andererseits konnte sich die Bild- Kunst gewissermaßen neu erfinden: Unabhängig von religiöser Funktionalisierung wurde sie frei – im Blick auf den Gegenstand ihrer Darstellungen (Bürger und ihre Häuser sowie Stilleben) als auch die gewählte Weise der Darstellung bis hin zur abstrakten Malerei.

 

Der Text der Lutherschrift "Disputation über den Menschen" findet sich im Angebot der Website "Glaubensstimme – Das evangelische Archiv im Internet": http://www.glaubensstimme.de/doku.php?id=autoren:l:luther:d:disputation_ueber_den_menschen

Das Lehrbuch Johannes Calvins "Unterricht in der christlichen Religion" steht als Angebot des Reformierten Bundes im Internet unter http://www.calvin-institutio.de

26.03.2017 Th. Förster/J. Schmidt/I. Werner