Bibel

Sie werden lachen: die Bibel.

 

Kurz nach der Veröffentlichung seiner sehr erfolgreichen „Dreigroschenoper“ wurde Bertolt Brecht in einer Zeitschriftenumfrage nach dem für ihn wichtigsten Buch gefragt. Und darauf erfolgte die für manche sicher überraschende Antwort: „Sie werden lachen: die Bibel.”

Überraschend wäre sie heute für viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen: Längst spielen Bücher, geschweige denn ein Buch, nicht mehr die Rolle. Bilder in vielerlei Form, Videos und anderes haben sie fast abgelöst. Zum anderen ist die Bibel kein einfach zu verstehendes Buch. Auch wenn sie fast wie eine Bibliothek ganz unterschiedliche und vielfältige Erzählungen und Texte erhält – leicht zu verstehen ist sie nicht.

Für die Menschen in der Zeit der Reformation war das anders. Verschiedene Faktoren spielten dafür eine Rolle: Bei den Gebildeten wurde ein Interesse an Lesen gerade auch klassischer, alter Texte durch das Erstarken des Humanismus* und seines Interesses auch an der Bibel geweckt. Durch die Entwicklung der Drucktechnik konnten Bücher zum ersten Mal in hoher Auflage zu relativ erschwinglichen Preisen vorgelegt werden. Luthers Übersetzung war im Unterschied zu anderen in deutscher Sprache vorliegenden sprachlich auf der Höhe der Zeit; er hatte ja versucht, „dem Volk aufs Maul zu schauen“. Vor allem aber: Der Einspruch gegen die Kirche seiner Zeit war unter Berufung auf Texte der Bibel erfolgt. Und die Stärkung der einfachen Glaubenden im Gegenüber zur kirchlichen Hierarchie verlangte nach und förderte Menschen, die biblisch informiert die „neue“ Kirche mit gestalten halfen. Manche identifizierten sich mit Personen der Bibel, um ihren Anliegen gegen die kirchliche Hierarchie mehr Autorität zu verleihen.

So ist die Reformation auch verantwortlich für einen gewaltigen Bildungsschub in den dann protestantischen Landen. Etliche Universitäten und Gymnasien wurden gegründet, die mit der Kenntnis auch der Bibel die Gedanken der Reformation in die Welt trugen. Für uns heute bleibt die Frage, welche Rolle sie spielt in unserem Leben. Es gibt nach wie vor viele, die etwa mit den Losungen, Bibelversen für jeden Tag, oder der täglichen Bibellese – ein Abschnitt der Bibel wird gelesen – gelebt haben und leben. Aber für viele wird ihre Bedeutung durch die Vielfalt der Medien genauso infrage gestellt wie durch die Schwierigkeit, die Texte zu verstehen. Das liegt oft auch daran, dass wir sie gewissermaßen „wissenschaftlich“ zu verstehen suchen. Eine „Wahrheit für mein Leben“ muss dann mess- und beweisbar sein. Anders wird es, wenn wir danach fragen, was uns tröstet und hilft, was uns unterstützt in unserem Leben. Dann wird wahr, was uns und andere orientiert und trägt.

In manchen Gemeinden werden darum Bibel- und Glaubensseminare veranstaltet. Wir lesen die Bibel gemeinsam. Und wir hoffen, dass sie sich uns im gemeinsamen Lesen so erschließt, dass wir Hilfe finden für unser Leben.

 

*Konkordienformel

Schon zu Martin Luthers Lebzeiten und erst Recht nach seinem Tod entwickelten sich Auseinandersetzungen um das, was „richtig“ lutherisch ist. Mit der Konkordienformel, die 1577 veröffentlicht wurde, sollten sie beigelegt werden. Aber das gelang nur bedingt: Bis heute stimmen nicht alle lutherischen Kirchen mit allen Aussagen überein. Katholische wie auch reformierte Vorstellungen, vor allem im Abendmahl, werden dagegen rigoros abgelehnt.

Der Text der Konkordienformel findet sich auf der Website "Glaubensstimme – Das evangelische Archiv im Internet": http://www.glaubensstimme.de/doku.php?id=bekenntnisse:concordienformel

 

*Humanismus

In der frühen Neuzeit entwickelt sich innerhalb der Theologie eine neue Denkrichtung, die bewusst an Traditionen der klassischen Antike anknüpfte, vor allem auch was Texte aus dieser Zeit und die „alten“ Sprachen Griechisch, Latein und Hebräisch betraf. Die Entwicklung in der Kirche seit der Antike wird kritisch gesehen, ihr „Zustand“ zum Teil scharf kritisiert. Auch deswegen gab es zuerst eine Nähe zwischen Martin Luther und den Humanisten seiner Zeit, etwa mit Erasmus von Rotterdam, dem wohl bedeutendsten unter ihnen. Allerdings trennten sich die Denkwege im Verständnis des Menschen: Von dessen „freien Willen“ schrieb Erasmus. Und Luther antwortete mit seiner Schrift „Vom unfreien Willen“: Der Mensch ist nicht frei, sich für Gott zu entscheiden, sondern bleibt angewiesen auf die Gnade Gottes.

Über das, was gemeinhin "Renaissance-Humanismus genannt wird, informiert die Website der ARD-Sendung "Planet Wissen": http://www.planet-wissen.de/geschichte/neuzeit/die_renaissance_das_goldene_zeitalter/pwiehumanismusdasmenschenbildderrenaissance100.html

 

*Universitäten

Schon der Humanismus hatte die Stärkung vonBildung, gerade auch von universitärer Bildung gefördert. In dem Maße, wie in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Landesfürstentümer wichtiger wurden in der Auseinandersetzung mit dem Kaiser, aber auch mit der Kirche wurden die Universitäten einerseits unabhängiger vom kirchlichen Einfluss und andererseits für die Landesfürsten interessanter: An vielen Orten entstanden Schulen und Universitäten, die u.a. der Ausbildung der Fachleute dienten, die die Fürsten zunehmend zur Verwaltung ihrer Territorien brauchten. Weil reformatorisches Gedankengut nicht nur in der ersten Zeit der Reformation über Studenten verbreitet wurde, konnte so langfristig evangelische Bildung sich in den Ländern ausbreiten, deren Fürsten evangelisch geworden waren.

Für die Reformierten hatte zudem die Gründung der Akademie in Genf (1559) große Bedeutung. Aus vielen Ländern Europas kamen Studenten nach Genf, wurden ausgebildet und brachten den „neuen Glauben“ zurück in ihre Heimat.

26.03.2017 Th. Förster/J. Schmidt/I. Werner