Diakonie

Für andere

 

Den Angeboten von „Diakonie“ kann man – nicht nur in Solingen – fast überall begegnen: als Angebote der Kirchengemeinden (Seelsorge, Besuchsdienste, manchmal noch: Gemeindeschwester), des Kirchenkreises (Beratungsstellen, Kindertagesstätten, Alten- und Pflegedienste) oder auf Landesebene (Diakonische Anstalten, oft auch Krankenhäuser). „Die Diakonie ist die soziale Arbeit der evangelischen Kirchen“, heißt es in einer Selbstvorstellung der Diakonie Deutschland, um nah „bei den Menschen zu sein, die Hilfe und Unterstützung benötigen.“

Die Unterstützung Bedürftiger zieht sich durch die gesamte Geschichte Gottes mit seinem Volk. Sei es, dass im Alten Testamen ausdrücklich auf die Unterstützung von Schwachen (zum Beispiel: Witwen, Fremde, Abhängige) hingewiesen wird (z.B. 5. Mose 14, 17-21, Psalm 82, 3), sei es, dass Jesus fraglos davon ausgeht, dass seine Jüngerinnen und Jünger für andere sich einsetzen (vgl. etwa Matthäus 25, 40). Und Paulus berichtet in 1. Korinther 16, 1-4 u.ö. beispielsweise von einer Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem: eine Hilfe der ersten christlichen Gemeinden untereinander, wie sie bis dahin unbekannt war.

Schon in den 95 Thesen Martin Luthers von 1517 wird deutlich: Den Armen zu geben ist für Luther wichtiger als der Kauf von Ablassbriefen. Als er 1523 von der Gemeinde in Leisnig um Hilfe bei der Neuordnung der Gemeinde gebeten wird, entsteht die „Leisniger Kastenordnung“. Sie beschreibt und regelt die Einnahmen der Gemeinde aber auch ihre Ausgaben, nicht nur für die Pfarrer, sondern auch für Arme und andere Bedürftige. Darin ist sie Vorbild für andere Gemeindeordnungen.

Eine besondere Rolle spielte die Diakonie dann in der reformierten Tradition. Auch auf dem Hintergrund der Situation in Genf, in der Tausende von Glaubensflüchtlingen aus Frankreich Hilfe suchten, entwickelte Johannes Calvin ein Verständnis von Ämtern in der Gemeinde*, in dem Diakone eine wichtige Rolle spielten: Der Dienst an anderen gehört zu den Wesensmerkmalen von Gemeinde und Kirche.

Heute sind in der Diakonie in Deutschland etwas mehr als 450.000 Mitarbeitende angestellt und etwa 700.000 Ehrenamtliche unterstützen die Arbeit. Rund 10 Millionen Menschen nehmen Dienste der Diakonie in Anspruch. Finanziert werden sie einmal durch Kirchensteuern und Gemeindekollekten. Zum anderen, größeren Teil werden sie von den Kommunen, den Ländern und dem Staat finanziert. Das gilt auch für die Angebote anderer Verbände der Freien Wohlfahrtspflege (etwa Caritas, Deutsches Rotes Kreuz, Paritätische Wohlfahrtsverband). Hintergrund für diese Praxis ist die Entscheidung des Staates, seit 1945 seine Sozialverantwortung* an soziale Verbände zu delegieren. Neben dieser organisierten Form von Diakonie leisten die Kirchengemeinden bzw. ihre Mitarbeitenden und viele Ehrenamtliche sehr viel „Dienst“ an anderen, angefangen vom großen Bereich der Seelsorge (an Einzelnen, im Krankenhaus, in Notfällen) über altersspezifische Angebote bis hin zur Unterstützung von Flüchtlingen.           

Das Diakonische Werk in Solingen ist im Internet hier zu erreichen: http://www.diakonie-solingen.de/,
die Diakonie Deutschland unter http://www.diakonie.de

 

*Ämter/Organisation der Gemeinde

Je länger die Reformation, die Veränderung der Kirche andauerte, desto dringlicher wurde die Frage der Organisation (s. Tafel „Leitung“ bzw. „Viele entscheiden“). Vor allem nachdem durch die Ergebnisse im sogenannten Augsburger Reichs- und Religionsfrieden von 1555 eine gewisse politische Stabilität erreicht war, ergaben sich entsprechende Konsequenzen. Ein wesentliches Ergebnis war, dass der jeweilige Landesherr bestimmen konnte, welche „Religion“ seine Untertanen fortan hatten: die des alten Glaubens (schließlich: römisch-katholisch) oder die des neuen (schließlich: lutherisch). Reformiert wurde als Konfession erst sehr viel später anerkannt (im Westfälischen Frieden von 1648).

Für die Organisation in den neuen evangelischen Territorien hatte das nicht nur die Folge, dass der Landesherr auch oberster Leiter der Kirche war, also bischöfliche Funktion ausübte. Zugleich wurde die konsistoriale, hierarchisch strukturierte Verwaltung auch für den Bereich der Kirche übernommen. In Straßburg und Genf hatte sich ein anderes, an der Bibel und an der Situation der Gemeinden orientiertes Leitungssystem herausgebildet, formuliert von Martin Bucer und Johannes Calvin. Im Anschluss z.B. an Römer 12, 6-8 sah es vier Ämter vor, die in der Leitung einer Gemeinde vorhanden sein müssen: das des Predigers, des Lehrers, des Presbyters und des Diakons. Während im Laufe der Zeit die Ämter von Prediger und Lehrer zusammengefasst wurden, spielte – auch auf dem Hintergrund der Flüchtlingssituation sowohl in Genf als auch in den reformierten Flüchtlingsgemeinden Europas – vor allem das des Diakons eine große Rolle. Hatte er doch die Armenfürsorge zu organisieren, ein Element gemeindlicher Leitung, das bis heute in reformierten Gemeinden stark gemacht wird.

 

*Sozialverantwortung des Staates

Schon in der Weimarer Republik delegierte der Staat bzw. die Kommunen Aufgaben in diesem Bereich an freie Träger. Nach dem 2. Weltkrieg setzt sich dann das “Subsidiaritätsprinzip” (Stichwort “Emder Synode” unter den Tafeln “Leitung” bzw. “Viele entscheiden”) endgültig durch: Der Staat, im wesentlichen die Kommunen übertragen soziale Aufgaben an freie Träger bzw. Verbände. Die sechs Spitzenverbände der sogenannten Freien Wohlfahrtspflege sind: Diakonie, Caritas, Deutsches Rotes Kreuz, Arbeiterwohlfahrt, Paritätischer Wohlfahrtsverband und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden. Die Möglichkeit, einen muslimischen Wohlfahrtsverband zu gründen, wird diskutiert. Wenn sie – und andere freie Träger, die vom Staat unterstützt werden – einen Teil ihrer Aufgaben also im Auftrag des Staates wahrnehmen dann werden die auch vom Staat refinanziert.

26.03.2017 Th. Förster/J. Schmidt/I. Werner