Willkommenskultur

Zuflucht für Fremde

 

In den letzten Jahren hat nicht nur in Solingen eine Entwicklung stattgefunden, die auch Auswirkung auf die Evangelischen Gemeinden hatte und hat: Menschen suchen Zuflucht und Unterstützung hier, die wegen Krieg, aber auch aufgrund von Verfolgung wegen ihres Glaubens aus ihren Heimatländern fliehen mussten. Ende August 2016 lebten rund 2.700 Flüchtlinge in Solingen, die meisten aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, insgesamt aus etwa 60 Ländern. Davon sind fast ein Drittel Kinder.

Zur Geschichte Gottes mit seinem Volk gehört von Anfang an auch die Erfahrung von Flucht und Vertreibung: Das Volk Israel flieht aus Ägypten, viele Generationen später wird die Oberschicht nach einem verlorenen Krieg nach Babylon deportiert. Und auch der gerade geborene Jesus muss mit seinen Eltern vor Herodes fliehen. Auch deshalb finden sich immer wieder Texte im Alten wie im Neuen Testament, die zu einem freundlichen Umgang auch mit den Fremden mahnen.

In der Reformationszeit waren es vor allem Menschen aus Frankreich, die wegen ihres Glaubens verfolgt und zur Flucht gezwungen waren. Geprägt vor allem von der Theologie Johannes Calvins, wurden sie ab etwa 1530 von Kirche wie König massiv bedrückt und verfolgt. Etwa 250.000 von ihnen mussten im Laufe der folgenden Jahrzehnte das Land verlassen und in anderen Regionen Europas neue Heimat finden. Seit 1536 waren gleichfalls viele reformierte Niederländer auf der Flucht. Diese Erfahrungen werden bis heute nicht nur in reformierten Gemeinden erinnert: Eure Vorfahren waren selbst Flüchtlinge, geht sorgsam mit Menschen um, die hier Hilfe suchen.

Die Synode des Evangelischen Kirchenkreises Solingen befasst sich mindestens seit Herbst 2014 mit der Situation von Flüchtlingen an den Grenzen und innerhalb Europas. In einer Erklärung im Juni 2015 hat sie sowohl an die biblische Tradition im Umgang mit Flüchtlingen (Matthäus 25, 35c; Apostelgeschichte 28, 1-2) wie auch an die reformierten Flüchtlingsgemeinden erinnert, die in der Reformationszeit im Rheinland (am linken Niederrhein) Zuflucht gefunden haben. Die Synode will in den Gemeinden eine Willkommenskultur für Flüchtlinge fördern, wendet sich aber auch kritisch gegen ein Europa, das sich immer mehr abschottet, und fordert von staatlichen Instanzen eine menschenfreundliche Flüchtlingspolitik (s. Staat-Kirche*).

Inzwischen sind viele Flüchtlinge in Solingen angekommen (s.o.). In etlichen Gemeinden gibt es Freiwillige, die sich um die hier Lebenden kümmern (s. Flüchtlingshilfe in Solingen*). Zugleich ist in den letzten Monaten aber auch die Belastung deutlich geworden, die die Integration von so vielen Menschen aus einem ganz anderen Kulturbereich erfordert. Gerade angesicht von so viel „Fremdem“ und „Fremden“ werden Menschen hier auch unsicher, was das für sie bedeutet. Die evangelischen Gemeinden nicht nur in Solingen sollten Raum geben für Beides: für die Unterstützung von Hilfe Suchenden wie auch für das Aussprechen von Ängsten vor Fremdem. Nur so kann – mit langem Atem – Integration gelingen.

 

*Staat-Kirche

Das Verhältnis des Staates zu den Kirchen hat sich im Laufe der Zeit immer mehr gewandelt. Die Formulierung von Art. 140 des Grundgesetzes von 1949 nimmt Bestimmungen der Weimarer Verfassung auf und beschreibt eine bestimmte Form der Trennung von Staat und Kirche: Einerseits ist der Staat weltanschaulicher Neutralität verpflichtet, andererseits garantiert er Religionsfreiheit und die Möglichkeit der Selbstbestimmung aller Religionsgemeinschaften. Dahinter steht die Vorstellung, dass der freiheitliche, säkularisierte Rechtsstaat auf Institutionen von Gemein-Sinn-Stiftung angewiesen ist. Er selbst kann diese Aufgabe nicht erfüllen, wenn er nicht zu einer Art „Diktatur“ werden will, die sich im Zusammenhang von Sinnstiftung über den Willen des Volkes stellt. Auch deshalb nimmt der Staat etwa bei der Wahrnehmung der Aufgabe der Sozialverpflichtung gegenüber seinen Mitgliedern die Hilfe auch der Kirchen in Anspruch (s. Sozialverantwortung des Staates* auf den Tafeln „Diakonie“” / „Für andere“).

Für die Kirchen stellt sich nach den Erfahrungen des Dritten Reiches das Verhältnis noch einmal in anderer Perspektive dar: Sie erkennen an, dass der Staat die Aufgabe hat, für Recht und Frieden zu sorgen, und sind dankbar für die ihnen gewährte staatliche Offenheit (Religionsfreiheit). Andererseits sehen sie sich mit einem kritischen Wächteramt gegenüber staatlichen Instanzen betraut, das sich aus den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus speist. In der Theologischen Erklärung von Barmen 1934 hat eine kleine, dem Staat gegenüber kritische Gruppe das formuliert, was evangelische Kirchen bis heute als ihre Aufgabe verstehen: an Gottes Reich erinnern, „an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten“ (Barmer Theologische Erklärung, These 5).

 

*Flüchtlingshilfe in Solingen

Alle evangelischen Gemeinden des Kirchenkreises Solingen haben die Flüchtlinge unterstützt, als vor allem Ende 2015/Anfang 2016 immer mehr Menschen Zuflucht in Deutschland suchten. Über die diakonische Hilfe hinaus hat die Ankunft der Flüchtlinge aber auch noch einmal intensiv nach dem fragen lassen, was denn die Kirche ist, wodurch sie sich auszeichnet: Wenn in der Reformation festgehalten wurde, dass Christus selbst sich seine Gemeinde aus allen Völkern und durch alle Zeiten hindurch versammelt, schützt und erhält (Heidelberger Katechismus von 1563, Frage 54), dann lässt sich Gemeinde nicht in Abschottung denken. Andererseits provoziert die Ankunft der vielen Menschen anderen Glaubens (vor allem: Muslime) Fragen, wie sich etwa das Verhältnis zum Islam beschreiben lässt: Wie geht denn die Bibel mit Fremdreligionen um? Welches Verständnis von Mission haben wir heute? Und vor allem dann: Wie werden wir den Bedürfnissen der Fremden gerecht, die Stabilität suchen für ihr Leben. Und: Welche Werte wollen wir – trotz aller Veränderungsprozesse – möglichst behalten?

Darüber hinaus wird auch das eine Frage bleiben: Wie gehen wir damit um, dass Christenmenschen nach wie vor in vielen Ländern wegen ihres Glaubens verfolgt werden?

 

Eine Einleitung und Einordnung des Kommentars von Johannes Calvin u.a. zu 3. Mose 19 findet sich in einem Vortrag von Dr. Achim Detmers, Generalsekrtär des Reformierten Bundes, auf der Seite reformiert-info.de: http://www.reformiert-info.de/15146-0-12-2.html

26.03.2017 Th. Förster/J. Schmidt/I. Werner