Glaube

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.

 

Zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 in Solingen fand 2014 ein Seminar statt. Rund 20 Solingerinnen und Solinger diskutierten über die Bedeutung der reformatorischen Erkenntnisse für die Menschen von heute. Als Ergebnis formulierten Gabi Bergfeld, Thomas Förster, Micha Thom und Dr. Ilka Werner den folgenden Text.

Solinger Impulse zum Reformationsjubiläum 2017

„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.“*

Wir sehnen uns nach diesem Lebensgefühl. Unsere Erfahrung zeigt uns aber, dass wir dieses Lebensgefühl nicht selbst herbeiführen können. Stattdessen fühlen wir uns zu oft bedrückt von den Anforderungen unseres Alltags, getrieben von Leistungsdruck, dem Streben nach Perfektionierung und Immer-mehr-haben- Wollen, gefangen wie in einem Hamsterrad.
Wir sehnen uns danach zu spüren: „Du bist genug! Du musst nicht ständig besser werden und mehr sein, als du bist.“ Aus der Bibel wissen wir, dass uns genau das von Gott längst zugesagt ist: „Ich habe dich erlöst und befreit. Du bist längst so angenommen, wie du bist. Es ist genug. Du darfst vergnügt leben.“
Aus der Bibel wissen wir, dass uns Jesus Christus genau so zu sich gerufen hat: „Kommt alle zu mir, die ihr erschöpft und belastet seid von der Mühe um diese Welt. Ich will euch erfrischen. Es ist genug da. Ihr könnt vergnügt leben.“
Wir glauben: Wenn wir aus dieser Zusage leben, befreit uns das. Es befreit uns auch dazu, denen abgeben zu können, die zu wenig haben. Mit und für unsere Kirche möchten wir uns auf den Weg machen zu klären, was das im Alltag bedeuten kann: Es ist genug! Mit und in unserer Kirche möchten wir lernen, was es heißt, erlöst und befreit vergnügt zu leben.

In der Reformationszeit waren es oft auch Lieder, die das neue Lebensgefühl ausdrückten und einluden, im neuen Glauben gewissermaßen lebendig mit zu schwingen. Viele Lieder gehen auf Martin Luther zurück und beschreiben alle Facetten des Glaubens. Ergänzt werden die Luther-Lieder* in den evangelisch-reformierten Gemeinden und Kirchen durch Psalmbereimungen und -vertonungen*, die die Lieder der Bibel selbst zum Klingen bringen.

Bis heute leben die Gemeinden von diesen Liedern, aber auch vielen neuen, die die Fröhlichkeit des Glaubens singen und die Freude, zu Gott zu gehören. Und bis heute sind deshalb Gemeinden offen für andere: Weil Gott gnädig ist mit uns, sind wir befreit bin vom Druck, uns selbst immer wieder neu erfinden und durchsetzen zu müssen. Weil wir im Glauben an Christus „richtig“ sind vor Gott, sind wir erlöst von allen Formen der Selbstrechtfertigung. So sind wir vergnügte Christenmenschen, für- und miteinander – und für andere.

Wir sind vergnügt, erlöst, befreit.

 

 

*Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.

Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

Was macht, dass ich so fröhlich bin
im meinem kleinen Reich?
Ich sing und tanze her und hin
vom Kindbett bis zur Leich.

Was macht dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen?
Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsinn hält?
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt.

Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

Hanns Dieter Hüsch

 

 

*Luther-Lieder

Von den mehr als 40 Liedern, die Martin Luther dichtete, sind 38 erhalten. Zu den bekanntesten zählen: „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ und „Ein feste Burg ist unser Gott“ oder „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“. Und eben: „Nun freut euch, lieben Christen gmein“. „Die Musik ist aller Bewegung des Herzens eine Regiererin”, wird Luthers Meinung über Musik in den Tischreden überliefert. „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Fröhlichen traurig, die Verzagten herzhaft zu machen.“ In diesem Sinn sollten auch die Lieder helfen, im neuen Glauben getrost zu machen, in gewissem Sinn den neuen Glauben „unters Volk“ zu bringen. Und sie ermöglichten der Gemeinde, wirklich Mitgestalterin des Gottesdienstes zu sein.

1524 erschien das erste deutsche Gesangbuch mit vier Luther- und vier anderen Liedern. Das 1525 veröffentlichte „Geistliche Gesangbüchlein“ enthielt dann schon schon 24 Lutherlieder.

 

*Psalmbereimung- und -vertonung

Für Johannes Calvin, auf dessen Überlegungen der reformierte Psalmgesang zurückgeht, sollte im Gottesdienst auch in den Liedern Gottes Wort erklingen, als gesungenes Wort der Verkündigung. Eine erste Ausgabe des Psalters (später: „Genfer Psalter“) mit 19 Psalmen und Gesängen erschien 1539 in Straßburg. 1562 lagen schließlich alle Psalmen in bereimter und vertonter Form vor. Eine erste deutsche Übersetzung erstellte 1573 Ambrosius Lobwasser. Heute werden die reformierten Psalmen in der Regel in der von Matthias Jorissen (1739-1823) bereimten Version gesungen.

Calvin unterschied zwischen geistlicher und weltlicherMusik, wobei er letztere durchaus schätzte. Ihm lag daran, dass die Vertonung der biblischen  Gesänge von Gewicht und Gravität geprägt war, den vertonten Texten angemessen. Ihre Wirkung sollte die Musik verstärken.

 

Allgemein zu Liedern der Reformation empfiehlt sich das Themenheft der EKD zum Jahr 2012 "Reformation und Musik", zum Download hier: http://www.ekd.de/themen/luther2017/themenheft_reformation_und_musik.html

26.03.2017 Th. Förster/J. Schmidt/I. Werner